Im Herzen doch noch Punk – Blood Red Shoes in Frankfurt

Im Herzen doch noch Punk – Blood Red Shoes in Frankfurt

Hierzulande gelten sie oft als die „neuen White Stripes“ – doch die Blood Red Shoes haben einen ganz eigenen Stil. Derzeit sind Steven Ansell und Laura-Mary Carter auf Deutschland-Tour. Gestern haben sie in der Batschkapp Frankfurt gespielt. Ich habe vor dem Konzert ein Interview mit Steven geführt. Er erzählte mir unter Anderem, warum er am Nachmittag noch Ärger mit der Frankfurter Polizei hatte…

Das Konzert in Frankfurt war mit rund 650 Zuschauern ausverkauft. Trotz extremer Hitze im Saal war es ein voller Erfolg. Obwohl die Band aus Brighton, England, gerade mal aus zwei Mitgliedern besteht, rockten sie die Batschkapp – mit ihrem individuellen Sound und lockeren Sprüchen zwischendurch. Es war wohl wieder einer dieser Tage, an denen einfach alles funktioniert, könnte Steven jetzt sagen.

Hier geht’s zum Interview mit Steven Ansell im Originalton (englisch). 

live in der Batschkapp Frankfurt
„But it all drags on for far to long, and it drags on and on and on and on.“

Und hier die deutsche Zusammenfassung des Interviews:

Wie hast du Laura kennen gelernt?

Ich kannte sie von einer Punkband, in der sie vorher war. Die Band nannte sich Lady Muck. Sie waren musikalisch gesehen ein bisschen wie eine Krawall-Girlband, nur dass ihre Texte nicht so politisch waren. Sie hat bei ihnen gesungen beziehungsweise geschrien. Sie hat meine Band ein paar mal gesehen, ich habe ihre Band hin und wieder gesehen. In dieser Szene kennt sich einfach jeder. Als meine Band sich aufgelöst hat, schrieb sie mir eine Email und fragte mich, ob wir nicht versuchen wollten zusammen Musik zu machen. Und ich sagte: „Ja, sicher, ich liebe dein verdammtes Schreien. Lass es uns versuchen!“. Und dann haben wir gejammt, ein paar Songs geschrieben und ein paar Leute fragten: „Hey, wollt ihr nicht eine Show eröffnen?“ Aber wir hatten ja noch keine Band, wir waren ja nur zu zweit. Trotzdem haben wir einfach zugesagt und mussten uns schnell einen Namen überlegen, weil wir jetzt in der Woche darauf eine Show hatten. Also haben wir uns schnell einen Namen ausgedacht und uns überlegt, dass wir zumindest Gitarre und Schlagzeug haben. Wir könnten ein paar Shows spielen und dann einfach noch mehr Leute finden, die unserer Band beitreten. Das Problem ist: Das passiert einfach nicht! Und dann ist unser Name einfach hängen geblieben und wir haben einfach so weiter gemacht.

Wie kam es zu dem Namen „Blood Red Shoes“?

Ähm, wir dachten einfach es klingt cool! Ich habe so viele Interviews gegeben und wir haben so oft bei diesem Thema gelogen, nur weil wir das so oft gefragt werden…aber die ehrliche Antwort: Wir dachten einfach, es klingt gut! Mehr nicht…  (lacht)

Habt ihr jemals über ein drittes Bandmitglied nachgedacht?

Als wir angefangen haben, ja! Wir wollten einen zweiten Gitarristen, wir wollten einen Bassisten…wir wollten klingen, wie eine reguläre Rockband. Aber irgendwie ist unsere Beziehung sehr schnell gewachsen. Anfangs kannten wir uns nicht gut, wir waren keine guten Freunde oder so. Wir wussten nicht viel über einander, über die Geschichte des Anderen. Aber wir konnten spielen! Und jedes Mal, wenn wir gespielt haben, haben wir mehr Songs geschrieben… Irgendwann waren wir an dem Punkt, an dem wir niemanden gefunden hatten, der in die Band wollte. Und zum Anderen haben wir gefühlt, dass musikalisch zwischen uns etwas entstanden ist, das sehr wertvoll geworden ist und das wir einfach nicht kaputt machen wollten, indem wir noch jemanden dazu holen. Und an diesem Punkt dachten wir einfach: „Okay, wir belassen es dabei.“ Denn das, was in der Musik wichtig ist, ist die Chemie, die Verbindung und das Spielen als Einheit – und nicht wie viele Leute in der Band sind! Wir dachten: „Okay, das funktioniert einfach. Lass es uns nicht kaputt machen!“

Es ist beachtlich, dass du Schlagzeug spielst und dabei singst. Gab es damit jemals Probleme?

Nun ja, manchmal ist es ganz schön knifflig. Unsere neuen Lieder sind für mich deutlich schwieriger als unsere alten Songs, weil sie viel komplizierter sind. Vor allem der Gesang ist schwieriger. Aber, weißt du, das braucht einfach Übung, genau wie alles Andere. Ich denke, das sieht viel cleverer aus als es eigentlich ist, weißt du was ich meine? Man sieht das nicht so oft. Es gibt zwar viele Schlagzeuger, die auch singen, aber die sitzen im Hintergrund, sodass man sie nicht wirklich sehen kann.

Wie würdest du euren Musikstil beschreiben?

Weißt du, jede Band hasst es ihren Sound zu beschreiben. Ich denke einfach, wir sind eine Rock’n’Roll-Band. Es sind irgendwie harte Gitarrensounds, aber wir mögen es auch Refrains zu schreiben, wie lieben Gesänge. Es ist also eine Art Hardrock mit vielen Gesängen („Hooks“).

Mit welcher Band würdest du gerne mal auf der Bühne stehen?

Oh…eine Menge! Ich würde gerne mit PJ Harvey spielen. Ich würde gerne mit Radiohead spielen. Zur Zeit spielen auch Black Sabbath wieder, ich würde am liebsten mit Black Sabbath spielen, mehr als alles Andere! Ich würde gerne mit Queens of the Stoneage spielen. Ich würde gern mit Tom Waits spielen. Ich würde gerne mit Blur spielen. Und ich würde gerne mit den Foo Fighters spielen…

Was war eure beste und was war eure schlimmste Show? Und warum?

Die beste Show zu wählen ist schwierig. Ich habe viele im Kopf, von denen ich denken würde, dass sie die besten waren. Zum Beispiel beim Summer Sonic Festival in Tokyo, in Japan. Das war verdammt unglaublich. Hmm…und vor ein oder zwei Jahren waren wir Headliner im Paradiso, in Amsterdam. Zu diesem Zeitpunkt war das die größte Show, die wir jemals gespielt hatten. Vom ersten Song an hat einfach alles funktioniert. Weißt du, das ist einer dieser Tage, an denen einfach alles funktioniert! Alles lief perfekt. Und die Zuschauer waren unglaublich, vom ersten Song an waren sie am „Crowdsurfen“ und am Durchdrehen. Es hat sich einfach alles richtig gut angefühlt. Ich könnte dir zehn Shows nennen, die so gut waren…

Die schlimmste Show…davon gibt es auch ein paar… Eine der schlimmsten war, ich weiß nicht mehr genau wo, in einem Ort in Frankreich. Da gab es einen riesen Streit auf der Bühne…ich war auch wirklich sturzbesoffen und habe eine Umkleide zerstört, weil ich stinksauer war. Am nächsten Tag wachst du auf und dir ist das alles einfach peinlich, du denkst: „Oh man, ich war so ein Idiot.“ Aber dann verträgt man sich auch wieder und es geht weiter.

Was ist das Besondere an eurem neuen Album „In Time to Voices“?

Was daran besonders ist? Es ist das beste Album, das wir bisher aufgenommen haben! Es ist das erste richtige Album, das wir produziert haben. Das erste Album ist halt einfach das erste Album, es passiert einfach, du kannst da nicht so viel kontrollieren. Beim zweiten Album wollten wir vermitteln, wie wir live klingen. Das ist ein bisschen düsterer, härter und dreckiger als das erste Album. Beim aktuellen Album dachten wir: „Okay, wir sind im Studio. Lass die Liveshow eine Liveshow bleiben. Und lass uns eine richtige Aufnahme machen.“ Und wir machten alles, was wir in einem Studio für richtig hielten. Es war also das erste Mal, dass wir mit Akustikgitarren, Streichern oder Pianos gearbeitet haben, genauso wie mit übereinander gelegten Gitarren oder Gesängen. Das ist für mich so, als hätten wir das erste Mal eine richtige Aufnahme gemacht, also nicht nur ein Dokument davon, wie wir live sind. Es ist das erste Mal, dass wir richtig zeigen, was wir können. Das ist das Besondere daran. Wir begrenzen das nicht nur auf Gitarre und Schlagzeug oder was auch immer wir live spielen können. Auf dem Album sind viele Songs, die wir eben nicht live spielen können.

Ihr wart offensichtlich schon ein paar mal in Deutschland, zum Beispiel bei tape.tv oder dem Berlin Festival. Was magst du an Deutschland und was nicht?

An Deutschland liebe ich die Massen, die Zuschauer. Ich finde, dass hier die Leute viel aufgeschlossener sind als in England, zumindest die Musik-Leute. In England denken die Leute viel mehr darüber nach: „Ist diese Band cool? Darf ich sie cool finden? Was denken alle anderen über diese Band?“ In Deutschland habe ich das Gefühl, dass du, wenn du eine gute Band bist, einfach gehört wirst. Die Leute bilden sich selbst ein Urteil.

Was ich in Deutschland nicht mag, ist die Polizei. Ich hatte vorhin erst einen Streit mit der Polizei hier. Das Ding ist, in England hat niemand Angst vor der Polizei, die Leute denken einfach: „Ah…fuck you.“ Die Polizei hat zwar Autorität, aber die Leute nehmen sie irgendwie doch nicht so richtig ernst. Vielleicht liegt es daran, dass ich Engländer bin und es für mich anders ist, aber ich habe das Gefühl, dass die Polizei in Deutschland aus sich selbst eine große Sache macht. Zumindest vorhin der Kerl da draußen dachte, er wäre ein ganz Großer. Nein, er ist einfach nur ein verdammter Polizist!

Da war ein Mädchen, die ist ein riesen Fan von uns. Sie kam extra aus Berlin um uns heute zu sehen, aber sie war ziemlich betrunken. Sie hat draußen gewartet, auf dem Boden gelegen, gekichert, wirklich betrunken. Jemand hat das Rote Kreuz gerufen, um zu checken, ob sie okay ist. Und dann hat jemand die Polizei gerufen. Ich dachte nur: „Wie? Die Polizei setzt sich mit einem unserer Fans auseinander?! Was ist da los?“ Also wollte ich auf Video aufnehmen, was da passierte. Ich wollte einfach aufnehmen, was die Polizei da macht. Und der Kerl hat mir eine riesen Szene gemacht, wollte mir das Handy wegnehmen, hat angefangen mich herum zu schubsen. Ich meinte nur: „Hey, Mann, du kannst mich nicht einfach anfassen! Ich mache hier nichts Illegales! Du kannst mich nicht einfach herum schubsen!“ Und er meinte wohl: „Du bist in meinem verdammten Land, also kann ich verdammt nochmal machen was ich will!“. Ich werde mich deshalb auch beim Polizeipräsidium beschweren. Das würde in England nicht passieren, dort hat die Polizei nicht diese Autorität und denkt nicht, dass sie verdammte Götter sind oder sowas. Ich hab auch keine Ahnung, was der Kerl da für ein Problem hatte…

Wie würdest du vermutlich dein Geld verdienen, wenn du nicht so bekannt geworden wärst?

Also, wenn ich keine Karriere mit dieser Band hätte, würde ich wohl irgendeinen Job machen, mit dem ich meine Miete zahlen kann, sodass ich in meiner Freizeit weiter Musik machen kann. Ich habe vorher schon in einer Punkband gespielt, wir sind durch Europa und Amerika getourt, aber das war kein Job. Ich habe das einfach so gemacht. Wir waren nur bei einem wirklich kleinen Independent-Label unter Vertrag, also habe ich in Brighton ganz normal gearbeitet. Ich habe auch viel gearbeitet, sodass ich mal sechs Wochen frei nehmen und auf Tour gehen konnte. Vermutlich würde ich das auch jetzt machen. Ich kann einfach nicht aufhören Musik zu machen. Das ist mein Leben, das ist als wäre es mein Herz. Seit ich acht Jahre alt war, wollte ich unbedingt in einer Rock’n’Roll-Band sein. Ich würde also niemals damit aufhören, sondern eher einen Weg finden, es so oft wie möglich in meiner Freizeit zu machen…(lacht)…und mein Geld mit egal was verdienen.

Wie lange spielst du schon Schlagzeug?

Ähm…acht Jahre. Eigentlich habe ich sie erst durch diese Band richtig gelernt, weil ich vorher Gitarre gespielt habe. Aber ich war irgendwann gelangweilt von Gitarre und wollte versuchen Schlagzeug zu lernen. Ich hab dann mit ein paar Freunden mal am Schlagzeug gejammt und als Laura sagte, sie wolle mit mir eine Band gründen, sagte ich: „Okay, ich will Schlagzeug spielen, nicht Gitarre. Ich habe davon irgendwie die Schnauze voll.“ Sie meinte: „Okay. Kannst du Schlagzeug spielen?“ und ich daraufhin: „Jooaa…irgendwie?!“ …(lacht)… Also haben wir das irgendwie zusammen gelernt. Es ist zwar nicht üblich, aber ich habe gelernt zu spielen, was zu Lauras Gitarrenspiel passt. Das ist ungewöhnlich..aber cool!



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